Samstag, 30. Juni 2007

Ich war Nachtportier

Freitagnacht, 5 Uhr. Ich komme gerade von meinem Rundgang zurück. Alles ruhig, die Gäste schlafen. Leise spielt Radio Swiss Pop die immergleichen Hits. Ich sitze heute das letzte Mal an der Rezeption und schaue müde hinaus auf die Kreuzung. Auf der hell beleuchteten Strasse torkeln die Nachtschwärmer aus den Clubs, ziehen in Clubs oder wechseln den Club. Nur noch 3 Stunden trennen mich vom langersehnten Schlaf. Ich hasse diesen Job. Ich werde ihn vermissen. Die klassische Hassliebe. Schon einiges habe ich hier erlebt. Zum Beispiel der reiche, sexbesessene Spanier, der mir seinen Laptop entgegenhält, aus dessen Bildschirm mir leichtbekleidete Mädchen entgegenlächeln. Er bittet mich freundlich, ihn bei der Wahl eines Call Girls behilflich zu sein. Zusammen fachsimpeln wir die halbe Nacht über Haarfarben, Brustumfang und Taille bis er sich endlich für ein Girl entschieden hat. Als er dann schliesslich um 4.15 Uhr zu seinem Handy greift und die Nummer wählt, muss er sich von einer Stimme ab Band belehren lassen, dass der Service nur bis um 4 Uhr in Anspruch genommen werden kann. Er telefoniert dann eine gute Stunde sämtliche einschlägige Nummern von Anbietern käuflicher Liebe ab, doch alle liefern sie ihre Mädchen nur bis 4 Uhr. Enttäuscht fragt er mich dann, ob unser Hotel wenigstens über Pay TV verfügt. Gerade als ich verneine, betritt das erste Zimmermädchen das Hotel, um die Frühschicht anzutreten. Mit purer Lust in seinen Augen mustert er das arme Geschöpf und sagt ihr sabbernd, er habe in seinem Leben noch nie so ein schönes Mädchen gesehen. Ekelhaft.
Lustiger war der Österreicher, der spät Abends mit dem Taxi vorfuhr, sich von mir den Zimmerschlüssel geben lässt, in Richtung Zimmer geht, plötzlich umkehrt und mich ganz ernst Fragt: "Kiiiiiffst du?" Mir fällt nichts besseres ein als: "Das ist eine sehr intime Frage." Schon zieht er einen Bündel voll Gras aus seiner Jacke, knallt ihn mir auf den Pult und verschwindet in Richtung Zimmer. Es wurde dann eine sehr entspannte Nacht.
Oder als um 5 Uhr ein Mann mit Hornbrille und Plattenkiste aufkreuzt und mich freundlich um einen Café bittet. Als ich ihm den Café serviere, fragt er mich nach meinem Namen und wir kommen ins Gespräch. Nach einer Stunde intensiver Diskussionen über Gott und die Welt bemerke ich, dass es schon 6 Uhr ist und ich das Frühstück vorbereiten muss. Nach getaner Arbeit schaue ich auf der Gästeliste nach, mit wem ich da so angeregt diskutiert habe. Auf der Liste steht "Derrick May". Kommt mir irgendwie bekannt vor. Wikipedia klärt mich dann auf, dass er als Mitgründer des Detroit Techno gilt. Nach weiteren Recherchen finde ich heraus, dass er zuvor im Q Club aufgelegt hat. Ein sehr entspannter Mensch, der in unserem Gespräch keinen Ton über seine Arbeit verloren hat.
In einer Samstagnacht vor ein paar Monaten bin ich gerade sehr konzentriert am lernen, als plötzlich ein ohrenbetäubender Knall durch das Hotel schallt. Aufgeschreckt springe ich hinaus, um nachzusehen, was passiert ist. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, plötzlich bemerke ich, dass eine sehr grosse Fensterfront eingeschlagen ist. Ich entscheide mich, die Polizei zu rufen. Ein sehr komisches Gefühl. 117. Nach zehn Minuten trifft die Polizei in Gestalt eines kleinen Dicken und einem dünnen Langen ein. Diese schauen sich das Ganze an und beginnen, ihre Mutmassungen über den Tathergang aufzustellen. Der kleine Dicke spricht von einer Kleinkaliber-Waffe und sucht das Projektil; der schlanke Lange denkt eher, dass die Überspannung des Fenster das Glas zum Bersten brachte. Langsam artet es in einem Streitgespräch aus, bis der Dicke sich auf eine neutrale Instanz in Form des Notfallglasers beruft. Dieser wird dann aufgeboten, um den beiden Gesetzeshütern ihre Arbeit abzunehmen. Nach einem kurzen Augenschein des Tatorts kommt der Notfallglaser zum Schluss, dass der Schaden nur mit einem sehr grossen Hammer angerichtet worden sein kann. Nun ist meine Schicht auch schon zu Ende und ich gehe nach Hause, um endlich zu schlafen. Am nächsten Morgen treibt mich meine Neugier nochmals an meinen Arbeitsplatz, um zu erfahren, ob man schon mehr über den Tathergang herausgefunden hat. Die diensthabende Rezeptionistin zeigt mir dann leicht schockiert ein Email mit folgendem Inhalt:
"Das war die letzte warnung!!!!!Wenn ihr das hotel nicht sofort zumacht sprengen wir es in die luft."
Gezeichnet: Die Neue Brigade.
Die Polizei meinte nur, das müsse man nicht weiter ernst nehmen. Kennt jemand von euch Die Neue Brigade? Komische Truppe...
Ich hätte noch unzählige solcher Geschichten zum Erzählen, doch die Arbeit ruft. Gipfeli aufbacken, Frühstücksbuffet aufstellen und dann darf ich endlich ins Bett.

Kommentare:

  1. Schnäggefresser30. Juni 2007 um 12:36

    Heisst das, dass wir keine solchen Texte mehr zu lesen bekommen werden?

    Sehr gut geschrieben, solltest öfters schreiben!

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  2. shit ich wär gestern beinahe noch vorbeigekommen. HGKZ ausstellung war super langweilig.

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  3. Hi,
    toller Text! Hättest du Lust mir für unser Online-Portal zu einem Interview zur Verfügung zu stehen? Plane einen Artikel über die Arbeit und die Geschichten eines Nachtportiers.

    Schreibe mir einfach eine Mail: hoffmann@vorwärts.com

    Beste Grüße
    Vicky

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