Freitag, 8. Februar 2008

Schlangenbrot im Internetzeitalter

Prolog

Vielleicht erinnern Sie sich noch. Scheint ja schon ein Weilchen her zu sein. Die Zeit, als der Wald im Begriff war zu sterben und sein Boden nicht durch adipöse Frauen mit spitzen Stöcken und runzlige Männer in engen Hosen auf teufelsroten Drahteseln malträtiert wurde. Ja damals, damals standen die Menschen zusammen, hielten sich an den Händen und hauchten mit teeigem Atem Lieder voller Zuversicht in den frostigen Wald.

Der Wald, ein Sinnbild für die Menschen, die in ihm das suchten, was sie selbst zu sein schienen. Verletzbare, starre Wesen, unfähig das Endgültige abzuwenden. Jeder neue Spross erfuhr ungeteilte Aufmerksamkeit und Hege, erhellte die ernsten Gesichter der Menschen. Ein Licht im Dunkel.

Heute erhellt einzig das fahle Licht des Bildschirms die Gesichter einsamer Menschen in ihren dunkeln Stuben.
Sitzen da, schauen wie ein Hummer sein Leben im heissen Wasser lässt und an frischer Brunnenkresse zum Mahl gereicht wird. Versuchen, auf ihr tristes Leben aufmerksam zu machen in der Hoffnung, dieses doch möglichst bald zu verlieren. Suchen mit Flatrate-Verbindungen unentwegt nach dem Verbindenden, sehnen sich nach globalen Liebschaften.

Der Wald hat sich in die heutige Zeit gerettet, jetzt ist es an der Zeit, dass es ihm die Menschen gleichtun.

Kapitel 1

"Jaa", entgegntete der kleine Timmy seiner Mutter genervt auf die Frage, ob er an den Regenschutz gedacht habe.
Man könne ja nie wissen, das Wetter schlage zu dieser Jahreszeit nur allzuleicht um, hörte er seine Mutter noch sagen, rief ihr ein flüchtiges Tschüss zu und liess die Türe hinter sich ins Schloss fallen.
Timmy stieg auf sein Rad und trat in die Pedale. Natürlich hatte er seinen Regenschutz nicht eingepackt. Wie sollte er auch, in seiner Brottasche hätte er keinen Platz gefunden neben dem Sackmesser, einem kurzen Stück Seil, einem Feuerzeug und einer alten, verbeulten Militärgamelle. Seine Mutter hatte ihm einmal den Regenschutz um seine Lenden gebunden und ihn damit losgeschickt. Zwei Tage konnte er seinen rechten Arm danach nicht richtig gebrauchen. Jede unüberlegte Bewegung schmerzte und der blaue Fleck zeugte von unzähligen Hieben kleiner Kinderfäuste.

Timmy fuhr am Haus seiner ehemaligen Klavierlehrerin vorbei und bog rechts in den Feldweg ab. Er hasste den Feldweg. Die Steigung die ihn erwartete war schlimmer als die endlosen Klavierstunden ohne jegliches musisches Talent unter dem erwartungsvollen Blick seiner Mutter und dem vorwurfsvollen "Du stiehlst mir wertvolle Lebenszeit" Blick der Klavierlehrerin.
Timmy wurde wütend und versuchte möglichst viel Schwung in den Anstieg mitzunehmen und stieg trotzdem nach drei Tritten von seinem Rad. Er warf es an den Wegrand und ging die letzten zehn Minuten zu Fuss.

Timmy sah auf seine Uhr. 14:00 Uhr. Schon wieder zu spät, murmelte er vor sich hin und legte einen Zacken zu. Mit jedem Schritt, den er dem Waldrand näher kam, manifestierten sich die farbigen Flecken unter der grossen Eiche zu ihm bekannten Silhouetten. Es schienen bereits alle da zu sein.

Klaus, der Älteste und Stärkste und somit der Anführer ihrer kleinen Gruppe. Martin, der Dürre mit der starken Brille und somit der Denker der Gruppe. Fred, der Allesesser und augenscheinlich der Dickste der Gruppe.
Timmy ging weiter der Eiche entgegen und bemerkte, dass Armin, der Brockenhauskleider- und Brandwundentragende und wahrscheinlich die Vertretung der Unterschicht in ihrer kleinen Gruppe, fehlte. Der kommt auch nie mehr, dachte Timmy sich.

Leicht ausser Atem erreichte Timmy die Eiche, in dessen Schatten seine Freunde auf ihn warteten. Sie begrüssten einander und begaben sich sogleich auf den Weg ins Unterholz. Nach gut 20 Minuten Fussmarsch erreichten sie den kleinen Steg, der über ein ausgetrocknetes Bachbett führte. Sie stiegen wortlos ins Bachbett hinab und folgten seinem Lauf.
Timmy liebte diesen Weg. Er mochte, wie sie über grosse Steine steigen mussten, sich an unterspülten Wurzeln naher Bäume festhielten, um nicht den Tritt zu verlieren. Obwohl der Bach selten Wasser führte, und dann auch eher dem Harnstrahl seines Grossvaters glich, stellte sich Timmy plötzlich auftauchende Wassermassen vor, die allesamt mitrissen. Ihn schauderte und er versuchte, die anderen einzuholen.

Ihr Weg endete bei einer unüberwindbaren Schwelle. Sie kletterten aus dem Bachbett, Fred als als Dritter, Klaus als Letzter. Mit vereinten Kräften zogen Timmy und Martin, während Klaus von unten schob. Fred bedankte sich und setzte sich kurz auf einen Baumstrunk, öffnete seinen Rucksack und nahm einen Schluck süsse Limonade.
Klaus rief eine kurze Pause aus und Timmy setzte sich zu Fred.
"Weisst du, weshalb Armin nicht kam?" fragte Timmy sein Gegenüber. Er wisse auch nicht, er hätte bei Armin geklingelt, doch es schien keiner da zu sein, antwortete Fred.
Nachdem sich alle an ihren süssen Säften labten, marschierten sie weiter und erreichten ihr Ziel wie geplant. Es war 15:13 Uhr.

Kapitel 2


Er schreckte auf. Hellwach starrte er an die Decke des Raums. Er kannte ihn nicht. Ihn fröstelte.
Tim richtete sich auf und suchte nach seinem Natel. Seine Hände glitten seinem Körper entlang. Nichts. Er war nackt. Wo ist meine verdammte Hose.
Sein Kopf schmerzte und es überkam ihn das Verlangen, sich wieder hinzulegen, die Augen zu schliessen und...
Tim schnellte hoch. Er vernahm ein leises Wimmern aus den Tiefen des Bettes. Hastig stand er auf und suchte nach seinen Kleidungsstücken. Die Hose lag unweit des Bettendes auf dem Boden. Er hob sie auf und kramte das Natel aus seiner linken Hosentasche. 03:41 Uhr. It's time to say goodbye, dachte er sich, und ertappte sich dabei, wie er ob seinem Gedanken schmunzeln musste.

Er packte seine restlichen Kleidungsstücke zusammen, zog sich an und näherte sich nochmals dem Bett. Er versuchte das Gesicht der Frau zu erkennen, scheiterte jedoch an der Dunkelheit und daran, näher ans Bett heranzutreten und eventuell das Aufwachen der Unbekannten zu riskieren. Tim wandte sich ab und verliess vorsichtig den Raum.

Er schloss die Türe hinter sich und lehnte sich an die gegenüberliegende Wand, versuchte den Ausgang zu erahnen. Es schien ein kurzer Flur zu sein. Tim erkannte drei Türen, diejenige aus der er kam, eine Halbgeöffnete, sicher das Klo, dachte er und entschied sich somit für Tür Nummer drei. Er durchquerte den Flur, drehte den Schlüssel, öffnete und verschwand ins Treppenhaus.

Tim stieg die drei Etagen herab und trat auf die Strasse. Er zündete sich eine Kippe an und schaute hinauf zum Himmel. Scheiss Kopfschmerzen.

Er hielt einen kurzen Augenblick inne und zog an seiner Zigarette, schaute sich suchend um, griff in seine linke Hosentasche und puhlte seinen Autoschlüssel heraus.
Die Strasse kam ihm nicht bekannt vor, doch er konnte seinen Wagen aus der Ferne erkennen. Der schwarze Lack schimmerte leicht orange im warmen Lichtkegel einer nahen Strassenlaterne.

Tim ging in Richtung seines Wagens und dachte daran, wie froh er sich doch schätzen konnte, ein solches Ungetüm sein eigen zu nennen. Das Dach überragte die benachbarten Autos bei Weitem, einen Kleinwagen, wie ihn seine ehemalige Freundin fuhr, hätte er in seinem Zustand niemals wiedergefunden.
Schlampe, zischte er vor sich her und erschrak ein wenig ob dem Geräusch und Licht, welches sein geliebter Hummer von sich gab, als er diesen im Spiel mit seinem Schlüsselbund überraschend entriegelte.
Tim blieb kurz stehen, schmiss seine Zigarette in Richtung Bordstein und stieg in das Auto. Wie steht es um ihre Fahrtüchtigkeit, werter Herr. Irgendwelchen Drogen- oder Alkoholmissbrauch in letzter Zeit? fragte ihn sein innerer Polizist freundlich aber bestimmt. Schuldig im Sinne der Anklage, antwortete Tim süffisant und fuhr los.

Der Motor seines Wagens gellte durch die nächtlichen Strassen, als Tim das Gas auf der Geraden bis zum Anschlag durchdrückte. Nur mal kurz beschleunigen. Und wieder abbremsen. Tim brachte seinen Wagen knapp vor einem Rotlicht zum Stehen und liess das Fenster auf der Fahrerseite herunter, zündete sich eine Zigarette an und blickte ungeduldig zur Ampel.
Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er ein schräg gegenüber angebrachtes Strassenschild zu entziffern da bemerkte er, wie die Ampel von rot auf grün sprang.

Tim startete und fuhr los. Wie kann ich vergessen haben, wo ich bin und was für eine Frau ich flachgelegt habe? Und trotzdem noch fahren? Ein wahrer Teufelskerl. Das Leben bis zum Letzten auskosten. Man lebt nur einmal. I hope i die before i get old. Tim liess die Zigarette lässig in seinem linken Mundwinkel hängen und murmelte durch den halboffenen Mund. James Dean. Er betrachtete sich im Rückspiegel und musterte sein eingefallenes Gesicht, die müden Augen, die wohlproportionierte Nase, weder zu lang noch zu breit, die Zigarette zwischen seinen Lippen...
Es knallte. Etwas Schwarzes prallte an die Windschutzscheibe, Tims Gesicht bohrte sich tief in den Airbag und schleuderte zurück in die lederne Nackenstütze.
Der Wagen rollte noch ein Stück und streifte kreischend ein seitwärts parkiertes Auto am Strassenrand. Benommen starrte Tim in die Nacht. Verdammt. Er kam zu sich und versuchte die Tür zu öffnen. weshalb parkiert dieses Arschloch hier! Er öffnete mit zitternder Hand den Gurt und lehnte sich zur Beifahrertüre, zog am Türgriff und stiess sie auf.

Tim taumelte ein paar Schritte auf die Strasse und blickte in die Richtung, aus der er gefahren kam. Etwas musste dort liegen. Er versuchte, die Hände auf die Knie gestützt, das Objekt, dass Bekanntschaft mit seiner Windschutzscheibe geschlossen hatte, zu erkennen. Nichts. Er übergab sich, wischte sich mit dem Ärmel seiner Jacke über den Mund und machte sich auf den Weg. Morgen würde er sich darum kümmern. Jetzt wollte er nur noch schlafen.

Kapitel 3

Diese Fratze! Weit aufgerissene Augen und ein zum stummen Schrei geformter Mund rasten ihm entgegen.

Tim wachte auf. Die Sonne schien durch das verschmutzte Fenster und blendete ihn. Er richtete sich auf und blickte in den in der Ecke stehenden Spiegel. Seine Nase war blutverschmiert, ein Stück seiner linken Schaufel schien zu fehlen. Tim fuhr vorsichtig mit der Zunge darüber und zuckte zusammen. Er sah mitgenommen aus und wunderte sich, in diesem jämmerlichen Zustand überhaupt ein Zimmer bekommen zu haben. Gelobt sei das Milieu.

Er stand auf und zog sich aus. Er ahnte, was heute auf ihn zukommen sollte. Schliesslich stand irgendwo in dieser Stadt sein Hummer rum. Mit offener Türe, sehr eigenwillig parkiert und weit und breit kein Fahrzeughalter. Wie eine Entführung sieht das aus, dachte er sich, schaltete das Radio ein, drehte die Lautstärke auf und zwängte sich in die enge Duschkabine. Er kauerte sich in die Ecke und wusch sich das getrocknete Blut aus dem Gesicht. Tim verharrte noch eine Weile in dieser Pose doch das kälter werdende Wasser holte ihn zurück ins Jetzt.

Tim drehte den Wasserhahn zu. "... Unfall in der Innenstadt...grosser Geländewagen...Toter..." Tim schnürte sich der Hals zu. Er stürzte aus der Dusche, und eilte zum Radio. Gebannt betrachtete er das lädierte, alte Ding, Zeuge des menschlichen Niedergangs.

Er sprach zu ihm. Tim, das hast du nicht gut gemacht, du hast betrunken einen Betrunkenen zu Tode gefahren. Versuche dich jetzt nicht herauszureden, das kann kein anderer gewesen sein, erinnerst du dich an die Fratze? Die Polizei sucht nach dir, deine Adresse und deinen Namen kennen sie, chum jetzt bring en hei.

Tim sank zusammen, setzte sich auf die Bettkante. Er starrte weiter das Radio an, und begann mitzusummen. Was soll ich jetzt tun, fragte sich Tim. Der Tote und sein Auto, alles schien ihm unendlich weit weg.

Er erwachte nackt auf dem gammligen Hotelbett. Er schwitzte und fühlte sich miserabel. Sein Blick wanderte von der Decke zum Radio. Eine warme Stimme sprach zu ihm. Erzählte von Schwierigkeiten, die ein unsachgemäss angelegter Kräutergarten so mit sich bringt. Es schien Abend zu sein. Morgen werde ich mich stellen, oder gefunden, dachte sich Tim. Wenigstens muss ich mein Auto nicht mehr holen.


Fortsetzung folgt...

Kommentare:

  1. tönt sehr interessant zu werden.

    chapeau

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  2. schön geschrieben!

    das waldsterben und der angeblich bevorstehende weltuntergang hat mich als kind echt beschäftigt. ich bin deshalb um so glücklicher, dass es dem wald gelungen ist, das neue zeitalter anzutreten...

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