Montag, 24. März 2008

Die fetten Jahre sind vorbei

Am Ostersamstag hat es mich nach vollendetem Tagwerk nach Wollishofen in die Rote Fabrik verschlagen. In der gemütlichen Atmosphäre des Ziegel oh Lac will ich den späten Nachmittag mit Zeitung samt Beilage und meiner Lieblings-Cola ausklingen lassen. Kurz nachdem ich die Gaststätte betreten habe, fällt es mir auf: Irgendetwas stimmt hier nicht. Für einen verschneiten Samstagnachmittag hat es verhältnismässig wenig Gäste. Der Tisch, an dem sonst die Marokkaner Würfelspiele spielen und Tee trinken, ist leer. Der alte, bärtige Stammgast, der halbstündlich Joints dreht und raucht, ist ebenfalls nicht zugegen. Diese Absenzen, wenn auch ungewöhnlich, sollen mich jedoch nicht bei meinem Vorhaben stören. So bestelle ich eine Afri-Cola mit zwei Zitronen, nehme den Tagi und setze mich an einen der zahlreichen freien Plätze. Ich schlage die Zeitung auf und lese von Schnee, Tibet und rappenden Finanzministern. Doch immer wieder lege ich die Zeitung beiseite und versuche herauszufinden, was an diesem gewohnten Ort heute so ungewohnt ist. Irgendwie scheint mir der Ziegel oh Lac heute sauberer als sonst. Auf den Tischen liegt weniger Abfall.
Die Zeitung ist durch. Ich nehme "Das Magazin" und lese zwischen den Zeilen, dass die Beldona Fashion Night für Nadine Strittmatter ein Money Job und kein Image Job war. Und das Polo Hofer für Laisser-faire steht und auf dem Schulweg zum ersten Mal einem „Neger“ begegnete.
Draussen tanzen die Schneeflocken über dem See, drinnen ist es gemütlich warm. Mein Tischnachbar dreht einen Joint. Am Tisch nebenan wird in einer mir nicht bekannten Sprache gesprochen und gelacht. Scheint alles normal. Doch irgendetwas liegt in der Luft. Etwas stimmt heute nicht. Ich spüre es. Mein Tischnachbar zieht genüsslich an seiner gewürzten Zigarette. Plötzlich kommt einer der sonst so trägen Kellner schnellen Schrittes an unseren Tisch und sagt ruhig aber bestimmt zu meinem kiffenden Tischgenossen: „Isch neuerdings verbote!“ Um seine Aussage zu unterstreichen zeigt er an einen Anschlag an der Wand, auf dem ein durchgestrichenes Blatt der Marihuana-Pflanze sowie die Aufschrift „Kiffen verboten“ aufgemalt ist. Mein Tischnachbar verschluckt vor Schrecken fast seinen Joint. Sprachlos sieht er den Kellner an. Schliesslich bringt er ein verdutztes „Krass“ hervor. Nun wird mir klar, was eben nicht in der Luft liegt. Natürlich – der süssliche Duft fehlt. Und mit ihm das gesamte Stammpublikum. Darum sind die Aschenbecher nicht mit zerknüllten Papierstreifen und auseinander gerissenen Zigaretten überlaufen. Darum ist die an diesem Ort sonst so entspannte Stimmung am heutigen Tage ein wenig hektischer als sonst. Das Personal hat einen zackigeren Gang, die Luft ist klarer, das Licht scheint heller. Nun entdecke ich auf den übrigen Tischen die Hinweistafeln, auf denen vermerkt ist: „Kiffen verboten!“ Dies ist es gemäss Gesetz schon seit vielen Jahren. Nun also auch in der Roten Fabrik. Vor dem bevorstehenden Rauchverbot wird jetzt schon mal mit der Umsetzung des Kiffverbotes geübt. Die jahrelange Tradition der Toleranz hat ein Ende.
Kiffen ist so was von 1998. Die Zukunft hat begonnen. Die fetten Jahre sind vorbei.

Kommentare:

  1. Das Kiffen ist unter den Schweizer Jugendlichen ja ziemlich runter in der Popularität. Nach Kriminologieprof. Martin Kilias hat damit auch das Rauchverbot in Zügen zu tun: 2x Berufsschule pro Woche hiess 4x Güff im Raucherabteil angeboten bekommen... das waren noch Zeiten!

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